König Ohneland

Bei den Stammesfürsten der Roma

Mittwoch, 04.11.2009, 21:00 Uhr bei 3Sat

zurück

content/images/Logos/3Sat_150x53px.jpg

Sie nennen sich „Kaiser aller Roma in Rumänien und überall“ oder etwas schlichter „König“. Die mächtigsten Stammesfürsten der rumänische Roma haben nach dem Zerfall des Kommunismus in den späten 90er Jahren Macht und Geld zurückerlangt und sich zur Krönung ihrer Karriere eine goldene Krone aufgesetzt. Schon immer hatten die Sippen und Stämme der Roma Anführer, die „Bulibashas“. Sie waren Stammesälteste, Richter und sind angeblich heute noch Herren über Leben und Tod. Ein Bulibasha entscheidet, ob Teile der Sippe ihr Glück im Westen versuchen, er verhandelt mit den Behörden, er bewahrt die vielfältige und in einigen Stämmen noch sehr lebendige Tradition. Der Film porträtiert drei der mächtigsten Bulibashas Rumäniens und zeigt die rätselhafte, wilde Welt der traditionellen Zigeuner und ihren Wandel. Denn EU und Wirtschaftskrise verschonen auch keinen „König Ohneland“.

Von den 15 Millionen Roma, die in ganz Europa leben, wohnen 3 Millionen in Rumänien. Einer Ihrer mächtigsten Anführer ist der 71jährige Julian. Er wurde in einem Planwagen irgendwo in Transsylvanien geboren. Heute wohnt der „Kaiser aller Roma in Rumänien und überall“ in einem riesigen Palast in Sibiu. Doch langsam spürt der selbsternannte Kaiser seine Macht schwinden, weil andere Bulibashas, Stammesfürsten, inzwischen reicher sind als er. Als Beweis seines Reichtums präsentiert er vor unserer Kamera zum ersten Mal seinen legendären Goldschatz der Öffentlichkeit.

Autor Christian Bock hat Kaiser Julian auf einer Audienzreise durch die Dörfer der rumänischen Walachei begleitet. Er trifft Kesselflicker, Löffelschnitzer, Kupferschmiede und Pferdehändler und erfährt, dass die EU auch die Bulibashas vor neue Herausforderungen stellt. So sind zum Beispiel die traditionellen Kinderehen der Roma, die oft schon im Alter von 14 Jahren verheiratet werden, inzwischen offiziell verboten. Kaiser Julian soll diesen Bruch mit den Traditionen nun in den ihm zugeordneten Stämmen vermitteln und durchsetzen. Doch mit den Traditionen bröckelt auch die Macht der alten Stammesfürsten.

Zumal es häufig gleich mehrere Bulibashas gibt, die Anspruch auf die Krone erheben. So gibt es in Sibiu das Herrscherhaus der Familie Cioaba, die bereits in zweiter Generation einen König stellt. Dieser beansprucht die Alleinherrschaft und erklärt alle anderen Könige und den Kaiser für Betrüger und Operettendarsteller. Der Film begleitet König Florin zum traditionellen Marientag-Fest auf einer grünen Karpatenwiese, wo er im Kreise seiner Bulibashas Hof hält und Politik macht.

Der Einflussbereich von Kaiser Julian und König Florin endet im Norden der Karpaten, wo die ungarisch-stämmigen Gabor leben. Die Gabor sind eine geschlossene Gemeinschaft, stolz, konservativ, gläubig. Immer mit riesigem Hut und Schnauzbart. „Bulibasha“ Bogdi pflegt hier noch das traditionelle Familienerbe. Als während der Dreharbeiten überraschend seine Schwester stirbt, gestattet er dem Team ausnahmsweise, bei den Trauerfeierlichkeiten anwesend zu sein – obwohl sie Weiße sind, Nicht-Roma, sogenannte „Gadsche“.

„König Ohneland“ ist eine Reise durch die Vielfalt der Traditionen, Bräuche und Geschichten der rumänischen Roma – von denen viele sich selbst Zigeuner nennen. Denn Roma heißt in ihrer Sprache nichts anderes als „Menschen“.Und die wunderbare, wilde Welt der Zigeuner gibt es immer noch zu sehen. Wenn man höflich fragt und eine gute Geschichte zu schätzen weiß.

Zurück