In den Fängen der Justiz

Samstag, 14.11.2015, 20:15 Uhr bei VOX

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Kein wirkliches Motiv, keine Tatwaffe, keine klaren Beweise, kein Geständnis - und trotzdem zu lebenslanger Haft verurteilt! Der Albtraum schlechthin, und Schlusspunkt eines oft jahrelangen zermürbenden Prozesses, an dessen Ende der Schuldspruch „Im Namen des Volkes" steht. Unschuldig verurteilt, während der wahre Täter sein Leben weiter in Freiheit verbringen kann, man selber jedoch soziale Kontakte, Familie, Job, kurzum sein reales Leben verliert...

Die Dokumentation zeigt, wie das Justizsystem funktioniert, wenn es einmal einen Tatverdächtigen in seinen Mühlen hat. Staatsanwälte und Richter stehen im Schulterschluss gegen den Angeklagten, Ermittler machen es sich mit frühzeitiger Festlegung auf einen Tatverdächtigen einfach. Das Gericht interpretiert Indizien, bewertet Zeugenaussagen je nach Bauchgefühl. Für die Beschuldigten ein oft aussichtsloser Kampf.

Seit einem Jahr genießt Helmut Marquardt wieder seine Freiheit - die ist allerdings nur eine Freiheit „2. Klasse". Marquardt wurde im vergangenen Sommer überraschend begnadigt vom Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt. Ein in Deutschland extrem seltener Vorgang. Grund für die Begnadigung war der angeschlagene Gesundheitszustand des Rentners, der in der Haft vier zum Teil schwere Schlaganfälle erlitten hatte. Zehn Jahre lang hatte der mittlerweile 79-Jährige seine Unschuld beteuert. Doch jede Wiederaufnahme seines Verfahrens wurde abgelehnt. Jetzt ist er zwar „draußen", aber immer noch der rechtskräftig verurteilte „Mörder von Lodersleben", der seinen Schwager Herbert S. aus Habgier getötet haben soll. Ein Motiv, an dem externe Ermittler zweifeln, ebenso wie an anderen Details des reinen Indizienprozesses. Der Ruf des Helmut Marquardt ist und bleibt ruiniert - dennoch überlegen er und sein Unterstützerkreis, ob ein weiteres Wiederaufnahmeverfahren möglich wäre.

Die Wiederaufnahme, also neue Untersuchung eines bereits abgeurteilten Falles vor Gericht, ist auch der sehnlichste Wunsch von Manfred Genditzki und Bence Toth. Beide sitzen in bayerischen Justizvollzugs-anstalten, die als die härtesten der Republik gelten. Wie Helmut Marquardt beharren beide auf ihrer Unschuld und bestreiten vehement die Tat. Wohl wissend, dass dies extreme Konsequenzen hat. Denn wer nicht gesteht, zeigt keine Reue, ist nicht resozialisierbar. Beide müssen damit leben, dass sie aller Voraussicht nach nicht nach den offiziellen 15 Jahren „lebenslänglich" vorzeitig entlassen werden, sondern zumindest weit über zwanzig Jahre im Knast bleiben.

Manfred Genditzki, allseits beliebter und rechtlich völlig unbescholtener Hausmeister einer Wohnanlage für Senioren, ist für den Mord an einer alten Dame verurteilt worden. Erst sollte er sie aus Habgier umgebracht haben, als sich das Motiv in Luft auflöste, zauberte der Staatsanwalt ein merkwürdiges neues Motiv hervor: „Beleidigt sein wegen der ständigen Ansprüche des späteren Opfers". Genditzki hat für ein enges Zeitfenster kein Alibi - und die Staatsanwaltschaft hat keinen anderen Verdächtigen.

Starke Parallelen zum Fall von Benedikt Toth, einem mittlerweile 40-jährigen Münchner, der vor zehn Jahren seine Tante - ebenfalls aus Habgier - umgebracht haben soll. In beiden Fällen fehlen Tatwaffe, jegliche Beweise, Zeugen der Tat und ein Geständnis. Auch im Fall Toth ist das Motiv sehr konstruiert. Reine Indizienprozesse, in denen sich die Ermittler frühzeitig auf eben diesen einen Tatverdächtigen festlegten. Wirklich umfassende Ermittlungen im Bekanntenkreis unterblieben. Stattdessen stützen sich Ermittler und auch das Gericht auf Indizien, bauten daraus „Ketten" oder auch „Kreise" zusammen - und verurteilten am Ende nach der „Gesamtschau der Indizien" den jeweiligen Beschuldigten zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere. Trotz erfahrener Strafverteidiger kämpfen beide bislang vergebens um eine Wiederaufnahme.

Rund ein Viertel aller Urteile ist nach Aussage von Experten in Deutschland fehlerhaft. Dennoch gelingt es nur einer Handvoll Menschen pro Jahr, eine Wiederaufnahme zu erstreiten. Und den anschließenden zweiten Prozess zu gewinnen. Monika de Montgazon aus Berlin und Ralf Witte aus Hannover ist das scheinbar Unmögliche gelungen. Mit der Unterstützung ihrer Familien, die felsenfest an ihre Unschuld glaubten, und der Hilfe erfahrener Anwälte kamen beide nach Jahren der Haft frei. Monika de Montgazon saß zweieinhalb Jahre, Ralf Witte sogar fünfeinhalb Jahre hinter Gittern. Eine Zeit, die sie geprägt, und ihr Leben, wie sie es vorher kannten, zerstört hat. Beide haben ihren alten Job verloren, sind berufsunfähig, kämpfen trotz des Freispruchs 1. Klasse immer noch gegen die Vorurteile ihrer Umwelt an. „Die Justiz hat meinen Glauben an den Rechtsstaat zerstört", sagt Monika de Montgazon. Und Ralf Witte kann immer noch nicht fassen, dass die Frau, die ihn durch massive Falschaussage damals ins Gefängnis brachte, straffrei davon gekommen ist.

Eine besondere Rolle in allen Verfahren spielen die psychologischen Gutachter, deren Meinung für Richter oft ausschlaggebend ist. Auf welche fragwürdigen Methoden der Wahrheitsfindung dabei zurückgegriffen wird, illustrieren zwei aktuelle Fälle aus Deutschland und Österreich. Andrea Kuwalewsky wurden ihre vier Kinder vom Jugendamt weggenommen - weil eine Psychologin ihr irrtümlicherweise eine schwere psychiatrische Erkrankung unterstellte, ohne dafür die entsprechende Ausbildung zu haben. Und in Salzburg läuft derzeit ein Verfahren gegen einen Psychologen, der in Deutschland und Österreich reihenweise Gutachten in Sorgerechtsprozessen verfasste, die großen Teils im Copy-Paste-Verfahren geschrieben wurden. Das Salzburger Verfahren ist ein beinahe einmaliger Fall, in dem der „Schattenrichter", der Gutachter, sich den Folgen seiner Handlungen nicht mehr entziehen kann.

 

 

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